| Psychoanalyse der Deutschen |
| Der Nazifaschismus hat die Bedingung der Möglichkeit zerstört,
die Gesellschaft, wie immer auch ideologisch, als Interaktionszusammenhang,
bei dem es auf Motivation noch irgend ankäme, sich intellektgerecht
zurecht zu legen. Das trifft die Kategorie des Subjekts ins Mark. Nicht
mehr kann sie, emphatisch, wie bei Sigmund Freud, als Anweisung darauf
betrachtet werden, das "Ich" gegen seine angeborenen Feinde
zu verwirklichen; vielmehr ist sie als die Inkarnation des gesellschaftlichen
Zwangs zur Identität zu verhandeln. Die Transformation der bürgerlichen
Gesellschaft ins totale Mordkollektiv zeigt, daß das "Subjekt"
keineswegs der Ort freier Selbstbestimmung und vernünftiger Spontaneität
ist, sondern nur eine juristische, eine politökonomische Kategorie
des Warentausches, eine Kategorie des Bürgerlichen Gesetzbuches.
Wie die Ware, das hat Alfred Sohn-Rethel gezeigt, unterm identischen Preisschild
den Naturprozeß stillstellt und als Realabstraktion verfährt,
so zwingt das Subjekt als vom Staat mit Gewalt bewehrte "fictio juris"
(Marx), das konkrete Individuum, der kontrafaktisch unterstellten Identität
(und Kontinuität) des freien Willens sich anzubequemen, d.h. sich,
als Natur und Trieb, stillzustellen. Da kochen die Ressentiments auf,
nicht zuletzt der antisemitische Wahn. Die Psychoanalyse scheitert an
Deutschland, gerade im Verhältnis von "Massenpsychologie und
Ich-Analyse". Deutschland, der Mordzusammenhang, setzt die Psychoanalyse
außer Kraft. |
| Mo., 04.12.2006, 20.00 Uhr, Kulturzentrale HundertMeister Duisburg, Dellplatz 16a, Eintritt frei |