| In der bürgerlichen Gesellschaft herrscht Marx zufolge die tote
Arbeit über die lebendige. In der Kulturindustrie wird gleichsam
die tote Arbeit selber zum Leben erweckt, um die Konsumenten, als welche
ihr die Produzenten nach Feierabend gegenübertreten, in lebende Leichen
zu verwandeln. Die Produkte der Kulturindustrie demonstrieren auch den
über Hunger und Elend Erhabenen, was Marx gemeint hat, als er über
die modernen Erfindungen sagte, „daß sie materielle Kräfte
mit geistigem Leben ausstatten und das menschliche Leben zu einer materiellen
Kraft verdummen.“
Die Kulturindustrie, forderten Horkheimer und Adorno, müsse ernster
genommen werden, als sie es von sich aus möchte. Daran ist nicht
zu zweifeln: immer weitere Bereiche der kapitalistischen Produktion haben
sich seither der „Kultur“ verschrieben, den „notwendigen
Überflüssigkeiten“ (Balzac), die indes zu den Notwendigkeiten
einer Produktionsweise gehören, die ohne solcherart Überfluß
gar nicht existieren könnte. Notwendig sind diese Produkte nicht
nur als Waren, deren Absatz die Akkumulation des Kapitals befördert,
sondern im besonderen auch als „Kulturgüter“. Durch deren
Konsum erst bewähren sich die Menschen als Mitglieder der Gesellschaft,
die in ihrem sogenannten Überbau bisweilen ebenso gnadenlose Anforderungen
stellt wie an der materiellen Basis, an der jeder einzelne außer
seinem täglichen Brot auch das Geld für seine kulturellen Selbstentwürfe
zu verdienen gezwungen ist. Indem er diese ihm eingeräumte Freiheit
ausfüllt – die wie die freie Lohnarbeit längst zur Verpflichtung
geworden ist, „was aus sich zu machen“ –, trägt
er in doppelter Funktion dafür Sorge, daß ein Produktionsverhältnis,
in dem man ihm selbst das Brot täglich wegzunehmen droht, sich am
Leben erhält. Der Konsument betätigt sich zugleich als Ideologe
seines eigenen Verhängnisses.
Wenn die Kritik der Kulturindustrie weder als Entrüstung der kultivierten
Bürger über den Verlust ihres Privilegs noch als schlichte Priestertrugstheorie
verstanden, sondern als eine an Marx orientierte Kritik der kapitalistischen
Kulturwarenproduktion ernst genommen werden soll, stellen sich allerdings
Fragen, auf die man bei Adorno selbst keine Antworten findet. Einer davon,
nämlich der nach der Bedeutung des Warenfetischs in der Kritik der
Kulturindustrie, soll in diesem Vortrag nachgegangen werden.
Christoph Hesse hat Film- und Fernsehwissenschaft, Germanistik und Philosophie
studiert. Im Frühjahr 2006 erschien von ihm das Buch „Filmform
und Fetisch“ im Aisthesis Verlag, Bielefeld.
Eine Veranstaltung der antifa3D in Kooperation mit dem Bildungswerk der
humanistischen Union Essen |
| Mo., 22.01.2007, 20.00 Uhr, Kulturzentrale HundertMeister
Duisburg, Dellplatz 16a, Eintritt frei |