Philipp Lenhard (Redakteur der Zeitschrift Prodomo – Köln)
Eigentlichkeit als Marktvorteil
Oder: was ist Deutsch-Pop?

Seitdem die Deutschen links geworden sind, also mit der Ära Rot-Grün, lebt es sich ganz ungeniert: Wer wollte bei soviel Einsatz für Menschenrechte, Demokratie und Toleranz noch daran zweifeln, dass die Deutschen ihre Vergangenheit nicht nur in einzigartiger Weise bewältigt haben, sondern, getreu dem Imperativ Adornos, auch noch nach der Maxime handeln, die Wiederholung von Auschwitz zu verhindern? Im Kosovo haben sie den "Serben-Hitler" Milosevic mit seinen in Fußballstadien eingerichteten "Konzentrationslagern" gestoppt, im Irak haben sie sich dem "Genozid" der USA in den Weg gestellt und innenpolitisch sind sie darauf bedacht, der Islamophobie, die angeblich ein neuer Antisemitismus sei, durch einen "Dialog der Kulturen" entgegenzutreten.
So in etwa lässt sich das neue deutsche Selbstbewusstsein, das auf der vollständigen Verkennung des Charakters des Nationalsozialismus beruht, einigermaßen treffend auf den Punkt bringen. Es dürfte einleuchten, dass ein so beschaffenes Nationalgefühl, welches die Kontinuität der deutschen Ideologie, die zu Auschwitz führte, leugnet, auch eine neue Begleitmusik erfordert. Wer möchte sich schon die soziale Wärme im modernen Kollektiv durch den muffigen Sound der Bonner Republik madig machen lassen? Deshalb bringt das neue, antifaschistische, antirassistische und antinationale Deutschland eine Unzahl an Pop-Bands hervor, die nur allzu gerne die Speerspitze dieser geläuterten Republik verkörpern wollen und deshalb die neue Leitkultur in grenzenlosem Ausmaß verinnerlichen. Was heute deutsch ist, das lässt sich an den Deutsch-Pop-Bands mühelos zeigen.
So scheinbar unterschiedlich die Bands in Hinsicht auf ihren Musikstil oder ihre politischen Äußerungen ausfallen, sie alle kommen nicht umhin, sich positiv auf ihren Standort zu beziehen. Während die einen, etwa die viel gescholtene Berliner Elektro-Pop Band "Mia", dabei ganz offen zu ihrem "Friedenskanzler" stehen, betreiben die anderen, die gesamte linke Subkultur, eine Spiegelfechterei, indem sie vorgeben, kritisch zu sein und doch nur konformistisch agieren. Gerade die Gegner von Radio-Quote und "Renationalisierung des Pop", wie etwa das allseits wohlgelittene Samplerprojekt "I can´t relax in Deutschland", sind recht erfolgreich dabei, ein neues Marktsegment zu kreieren, welches in vermeintlich deutschland-kritischer Attitüde der antideutschen Sache einen Bärendienst erweist und stattdessen neue Absatzmöglichkeiten für sogenannte "Polit-Bands" auslotet.
Philipp Lenhard, Redakteur der Prodomo – Zeitschrift in eigener Sache, erläutert, welche Rolle die Subkulturindustrie bei der Kreation einer frischen und unverbrauchten deutschen Identität spielt.

Veranstaltet von:
Antifa 3D, Hannah Arendt Bildungswerk Essen

Do. 23.2.2006, 20.00 Uhr, HundertMeister Duisburg, Eintritt frei