| Haben Frauen dasselbe Bedürfnis wie Männer,
unerlaubte Regungen auf „Sündenböcke“ zu projizieren
oder sind sie zu aggressivem Verhalten und Antisemitismus gar nicht fähig?
Sind Frauen tatsächlich das „friedfertige Geschlecht“
wie M. Mitscherlich behauptet?
Jahrelang hat die „neue Frauenbewegung“ im Sinne einer identitätsstiftenden
Geschichtsschreibung ein positives Bild von „der Frau“ im
NS gezeichnet, was nicht selten zu einer den Holocaust verharmlosenden
und antisemitischen Argumentation führt(e). Entgegen der Tatsache,
dass Frauen als KZ-Aufseherinnen, Denunziantinnen oder Fürsorgerinnen
an der antisemitischen Ausgrenzung und Vernichtung von Jüdinnen und
Juden begeistert mitwirkten, werden sie in feministischen Schriften oft
auch, im Widerspruch zu dem obigen positiven Bild, gerne als auf die Mutterrolle
reduzierte „Gebärmaschinen“ (Renate Wiggershaus) dargestellt.
Während 1988 zum Jahr des Holocausts an den Frauen erklärt wurde,
gaben feministische Theologinnen dem Judentum die Schuld am Untergang
des Matriarchats, dem Patriarchat weiters die Schuld am Nationalsozialismus…
Wie die Schuldkette weitergeht, kann man bei Gerda Weiler nachlesen –
ein feministischer Fall von Täter(innen)-Opfer-Umkehr.
Ist dem feministischen Opfermythos seine Grundlage entzogen, so lässt
sich auf Basis einer kritischen Theorie des Antisemitismus die Frage stellen,
ob der Antisemitismus bei Frauen und Männern die gleichen Bedürfnisse
befriedigt, oder ob entsprechend der verschiedenen Geschlechterrollen
unterschiedliche Inhalte projiziert werden.
Ljiljana Radonic ist Lehrbeauftragte am Wiener Institut für Politikwissenschaft.
„Die friedfertige Antisemitin? Kritische Theorie über Geschlechterverhältnis
und Antisemitismus“ ist 2004 im Peter Lang-Verlag erschienen.
Veranstalter:
Antifa 3D, Humanistische Union Essen |