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Karl Selent |
| 15 Jahre deutsche Einheit – und die fette Nation blickt auf
ihre Siege im Kalten Kulturkrieg gegen die "Weltmacht Amerika".
Techno, jene in den Tagen der deutschen Wiedervereinigungsbesoffenheit
in Gang gekommene Maschinenmusik, hat in den 90ern Rock und Pop aus den
Diskotheken und von den Straßen gefegt. MTV ist bloß noch
eine Kopie des deutschen Heimatpopmusiksenders VIVA. Deutsche Moderatoren
quatschen an deutschen Lokalitäten über deutsche Musikszenen.
Längst hat der ehemals kosmopolitische Popkultursender eine 40 Prozent
Quote deutscher Musikproduktionen. Erfolgreich fordert die Popnation das
Popuniverse heraus. Deutschrock, deutscher Hip Hop, neue deutsche Härte
auf allen hiesigen Kanälen. Rammstein präsentierten bei den
MTV Europe Music Awards, nein, keine Lightshow, kein sprühendes Bühnenfeuerwerk,
sondern ein Stahlgewitter! VIVA, Stefan Raab, Jürgen Drews und Guildo
Horn haben den deutschen Schlager wieder hoffähig gemacht, Jürgen
Becker, Gaby Köster und weitere alternative Mundartpfleger, sprich
Kabarettisten, den Karneval (Stunksitzung). Die Toten Hosen mit samt ihres
Punkerkindergartenanhangs zieht es zum Rosenmontagszug. Und das Wandern
ist neuerdings nicht nur des Müllers Lust, sondern auch die des Fernsehknechts
von Harald Schmidt, Manuel Andrag. Seit 1945 war keine Jugend so mit der
Kultur ihrer Nazi-Väter versöhnt wie die heutige. Vor '89 hätte
keine deutsche Jugend es gewagt, einen solchen Massenaufmarsch zu veranstalten
wie den der 1,5 Millionen Loveparadeure, die gerne auch mit schwarz-rot-goldenen
Eulenspiegelhüten herumraven, während textile Riesenluftröhren
in den Deutschlandfarben von so manchem Techno-Truck in den Himmel zucken
und im VIVA-Livebericht beständig und zwanghaft die Wahrzeichen der
Nation ins Bild geraten: die Siegessäule, das Brandenburger Tor,
der Reichstag. Am friedlichen deutschen Technowesen sollte die Welt vom
Krieg genesen. Mit Tausenden von Euro haben das Außenministerium
und das Goethe-Institut den Export der Loveparade bis nach Mexiko-City
unterstützt, wo 2004 immerhin 250.000 Leute sich tummelten –
und doch, vergebens. Gab es bereits 2002 in Berlin nur 650.000, im Jahr
darauf nur 500.000 Raver, und hat es sich seither ausgeravt, so brachten
Joschkas Euro in der Welt nicht mal diese Teilnehmerzahlen zusammen. Zappelten
in Acapulco 200.000 Leute herum, waren es in Santiago de Chile nur 100.000,
in San Francisco ganze 15.000, in Kapstadt 3000. (Wien und Zürich
dürfen als angeschlossen gelten, und in Paris hat man sich den Deutschen
schon immer ergeben.) Weitere Loveparades? Sydney? Bombay? Hongkong? Montreal?
New York? Fehlanzeige. Es hat sich ausgesiegt. Wer in der Welt interessiert
sich schon für eine modernisierte Variante der deutschen Marschmusik.
Das Popuniverse schlägt zurück. In dessen unendlichen Weiten
verliert sich der Kulturkrieg des neuen Deutschland wie einst der militärische
Krieg des alten in der Tiefe des sowjetischen Raumes. Die Loveparade ist
tot. Rammsteins Riefenstahl-Olympiafilm-Musikvideoclip ist in der Heavy
Rotation solange durchgedudelt und durchgenudelt worden, bis das Stück
rückstandslos erledigt war. Die Nazi-Kunst sollte für die Ewigkeit
sein, ihren Wagner, ihren Beethoven und ihren Goethe wollen die Deutschen
auf immer verehren – jedoch das Popuniverse hat noch jeden gigantischen
Mega-Act letztendlich auf einen winzigen Stern unter Milliarden zusammengeschrumpft.
Die Kulturindustrie hat noch alles, was hip und trendy ist, jede Mode
und jede neue Musikbewegung final kleingekriegt. Was heute in ist, ist
morgen out. "Alles Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht
... die Bourgeoisie", heißt es im Kommunistischen Manifest,
"hat die Konsumtion kosmopolitisch gestaltet". Die Sehnsucht
der Deutschen nach Heimat und Gemeinschaft, nach Vaterland und dem Idyll
des Schrebergartens kann im Popuniverse keine Erfüllung finden. Die
Star-Trekis müssen immerzu aufbrechen zu neuen Welten, die nie zuvor
ein Mensch gesehen hat. |
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Do. 13.10.2005, 20.00 Uhr, HundertMeister Duisburg (Studio) |