| "Als der Vorsitzende der palästinensischen
Abordnung, Haider Abdel Shafi, zu
Delegationsgesprächen in Washington
(Anfangs der 1990er, K. S.) mit einem
europäischen Hut erschien, zog er sich die
Kritik der palästinensischen Öffentlichkeit
zu, die ihn aufforderte, die fremdländische
Kopfbedeckung abzunehmen".
(D. Rubinstein: Yassir Arafat. Heidelberg 1996, S. 47f)
Das Palästinensertuch, die Kafiya, war, bevor es ab 1968 u.a. wegen
der Person des Yasser Arafat, einem Träger dieses speziellen Textils,
zu internationaler Bekanntheit und Verbreitung gelangte, eine der traditionellen
Kopfbedeckungen in den ländlichen Gebieten Arabiens gewesen. In einem
propalästinensischen Solidaritätsbuch des Elefanten Press Verlags
heißt es, seit Jahrhunderten habe in den Dörfern gegolten:
Auf den Kopf eines "anständig erzogenen" Arabers gehört
eine Kafiya (Hamdan 106). Betrachtet man nun das Outfit der linksdeutschen
Protestgeneration der 1970er und 1980er Jahre, so glaubt man sich ins
tiefste bayrische Palästina versetzt. Nach Angaben der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung sollen Mitglieder der aus dem SDS hervorgegangenen
Palästina-Komitees die Kafiya von Besuchen bei der PLO mitgebracht
haben. Von der Geschichte des Palästinensertuchs wollten die Studenten
nichts wissen. Diese Kopfbedeckung war 1936-39 in Palästina das Symbol
des profaschistischen Aufstands gewesen. Die rebellierenden ländlichen
Fedayin, so Danny Rubinstein in seinem Buch über Yasser Arafat, "verlangten
von den Arabern in den Städten, den türkischen Fez und die europäischen
Hüte gegen die Kafiya einzutauschen. Wer der Aufforderung nicht nachkam,
wurde aufgegriffen und verprügelt" (47). Solche repressiven
Übergriffe bezeichnete die britische Kolonialpolizei als "Fez
bashing". Die Verteidigung der arabischen Lederhosen- und Schuhplattlerfolklore
fand die Anerkennung und Unterstützung des Dritten Reichs. Im später
von ihnen besetzten Elsaß-Lothringen sollten die Nazis selbst versuchen,
das Tragen der richtigen, der deutschen Kopfbedeckung zu erzwingen. Die
französische Baskenmütze wurde alsbald verboten. Sie galt den
Besatzern als eine "Gehirnverdunkelungsmütze". In einem
1943 im Dritten Reich in Berlin verlegten Buch über den "Großmufti
von Palästina" ist bezüglich des arabischen Aufstands von
1936-39 Folgendes zu lesen:
"In der Altstadt von Jerusalem findet sie die Polizei: zwei Araber
... offenbar durch Schüsse in den Rücken niedergestreckt, die
Einschußstelle aber sorgfältig mit jener bekannten Kopfbedeckung
verdeckt, die man in Europa 'Fez', im Orient jedoch 'Tarbusch' nennt.
... Sie hatten das Verbrechen begangen, die letzten Anweisungen des Generals
der Freischaren unbeachtet zu lassen, die zuvor an allen Ecken Jerusalems
zu lesen waren:
'Im Namen Gottes,
Das Hauptquartier der arabischen Revolution erinnert alle Araber daran,
daß der Tarbusch nicht die wahre nationale Kopfbedeckung des Arabers
ist. Die Araber Palästinas müssen ... die nationale Kafiya tragen.
Diejenigen, die ... darauf beharren, den Tarbusch zu tragen, werden wir
als unsere Feinde betrachten
gez. Der Führer der revolutionären Araber.'"
Eine ähnliche Anweisung, so heißt es in dem Buch weiter, "verbot
den Frauen des Landes die europäischen Damenhüte ... Die harte
Faust der aufständischen Bauern und Hirten sorgte ... für die
Durchführung der Verordnung über die nationale Kopfbedeckung"
(Fischer-Weth 82-85). Die Machenschaften der Fedayin, denjenigen Frauen,
die es unter dem Einfluß der britischen Mandatsmacht mit Schleier
und Kopftuch nicht so genau nahmen, erneut die traditionelle Kleiderordnung
aufzuzwingen, sind in der Fachliteratur dokumentiert. Zum Beispiel die
Erklärung eines Befehlshabers der Fedayin, Abdel Rahim al-Hajj Muhammad,
von Oktober 1938:
"Dem Zentralen Kommandorat ist zu Ohren gekommen, ... daß einige
Frauen, eifrig darauf bedacht, westliche Kleidung nachzuahmen, den Befehl
mißachten sich zu verschleiern. An all diese Personen richten wir
unsere Warnung und erinnern sie an die Strafen, die sie erwarten, wenn
sie in ihrem verwegenen Leichtsinn beharren" (Krämer 338).
Die arabischen Landfrauen Palästinas trugen überwiegend ein
weites Tuch, das Kopf, Schultern, gegebenenfalls auch den Oberkörper
bedeckte, das Gesicht jedoch frei ließ. Der Schleier fand geringere
Verbreitung, weil er bei der Arbeit behinderte. Das übliche Kleidungsstück
der Frauen mittlerer und oberer Stände vor allem in den Städten
war der Gesichtsschleier. Er galt als "Zeichen weiblicher Sittsamkeit
und familiärer Ehre". Seit dem Beginn britischer Kolonialherrschaft
jedoch "zeigten sich die Frauen der Jerusalemer Aristokratie bei
bestimmten Anlässen auch gern als Damen der Gesellschaft: europäisch
gewandet und das Gesicht frei". Im offenen Milieu von Jaffa und Haifa
gingen "einige Frauen der Ober- und Mittelschicht dazu über,
den Schleier abzulegen". Die jüdischen Pionierfrauen, so die
Klage des gesunden arabisch-islamischen Volksempfindens, zeigten sich
in der Öffentlichkeit "halb nackt" (Krämer 338). "Gegen
diese Zeichen der Verwestlichung, gegen den Verfall der Sitten, für
Moral und Anstand ... für den Schleier sprachen sich islamische Gelehrte
und Aktivisten vom Mufti ... bis zu Izz al-Din al-Kassam aus. Deren sozial
konservative Gesinnung teilten die bäuerlichen Rebellen, die die
neu gewonnene Macht nutzten, ihre Vorstellung von Sitte und Anstand im
öffentlichen Raum durchzusetzen" (ebd.).
Auch im Palästinasolidaritätsbuch des Elefanten Press Verlags
wird die Kafiya als "Symbol des bewaffneten Aufstands" beschrieben.
Freilich von der Repression zur Durchsetzung des Palästinensertuchs
ist mit keinem Wort die Rede. Hakam Abdel Hadi, Autor des entsprechenden
Kapitels, behauptet, die Araber seien in den Städten zum Tragen der
Kafiya aufgerufen worden, weil sonst "die revoltierenden Bauern wegen
ihrer Tracht" aufgefallen, "ein leichter Fang für die sie
verfolgenden britischen Soldaten" geworden wären. (Hamdan 106)
Quellenangaben aber, historische Belege für diese Behauptung sucht
man in dem Buchkapitel vergebens. "Man erzählt", heißt
es desweiteren. Einer "soll gesagt haben". Die Anweisung an
die Frauen zum Tragen des Schleiers, von der Hadi selbstverständlich
nichts berichtet, zeigt: Hier ging es nicht um Militärisches. Die
Insurgenten hatten anderes im Sinn. Der Zwang zum Palästinensertuch
war dem Motiv geschuldet, die althergebrachte Gesellschaft gegen verwerfliche
Einflüsse der britischen Mandatsmacht zu verteidigen. Bezeichnend
für eine solch reaktionär verbiesterte Abwehr des Kolonialismus
waren vereinzelte Mordtaten an Arabern, "die beschuldigt wurden,
zu gut Englisch schreiben und lesen zu können". Sie wurden "abgeknallt"
(Collins 53). Auch davon wollen der palästinasolidarische Elefanten
Press Verlag und seine linken Autoren nichts wissen. Jahrzehnte vor den
islamischen Klerikalfaschisten in Taliban-Afghanistan, die den Männern
das Tragen von Bärten abverlangten beziehungsweise den Frauen das
Tragen der Burka (je bei Strafe von Peitschenhieben), und ähnlich
den Mullahs im Iran, die mit drakonischen Strafen die traditionelle Kleiderordnung
durchsetzen, erzwangen die Fedayin des arabischen Aufstands in Palästina
von 1936-39 das Tragen des Schleiers und des Palästinensertuchs.
(Dies ist eine erweiterte, überarbeitete Fassung eines Kapitels
aus dem Buch von Karl Selent: "Ein Gläschen Yarden-Wein auf
den israelischen Golan. Polemik, Häresie und Historisches zum endlosen
Krieg gegen Israel". Ca Ira Verlag, Freiburg 2003) |