Sonja Witte (Bremen)
Wie Nazis zu Dealern wurden.
Eine psychoanalytische Darstellung der deutschen Schuldabwehr

Am Beispiel der deutschen Synchronfassungen von "Notorious" (Hitchcock 1946) geht es um die Beziehung zwischen einem Film und seinem Publikum. Während in der Originalfassung Agenten der CIA einer Naziclique in Rio de Janeiro mit Hilfe der Nazitochter Alicia Hubermann auf die Schliche kommen, macht "Weißes Gift", die deutsche Erstsynchronisation von 1951, daraus die Verfolgung eines internationalen Drogenkartells. Eine der ursprünglichen Fassung adäquate Synchronisation erschien in Deutschland erst 1969 unter dem Titel "Berüchtigt". Der Vortrag wird die Transformation der Verdrängung und Abwehr deutscher Schuld in den fünfziger und sechziger Jahren anhand des psychoanalytischen Konzepts der Masse bei Sigmund Freud aufweisen und zeigen, wie diese Abwehr die Beziehung von Film und Publikum prägt. Diese Abwehr, d.h. die deutsche Strategie zur Aufrechterhaltung völkischer Identität, soll als das den Blick des Publikums bestimmende Moment verstanden und auf das Unverwechselbare, Besondere der Filme Alfred Hitchcocks bezogen werden. Anhand von Filmbeispielen wird erläutert werden, was unter "MacGuffin" und "Suspense" - zwei für Hitchcocks Filme typische "Funktionsweisen" - zu verstehen ist; und mit Hilfe der freudianischen Theorie des Witzes soll dann gezeigt werden, warum Suspense und MacGuffin nur in der Interaktion von Film und Publikum entstehen können. Schlußendlich: Gezeigt werden soll, warum die Verwandlung von Nazis in Dealer in der Synchronisationsfassung "Weißes Gift" unbedingt notwendig war, um einen für Deutsche unverfänglichen Rahmen zu schaffen, ohne den weder "MacGuffin" noch "Suspense" ihre Wirkung entfalten können. - Nach dem mit Filmbeispielen aus der ersten Fassung illustrierten Vortrag wird "Notorious" in der Fassung von 1969 gezeigt.

Mi. 16.02.2005, 19.00 Uhr - anschließend Film, HundertMeister Duisburg