Deutschland, du Ammenmärchen
Die Fußball-WM und ihre Folgen: eine Nachbetrachtung
Vortrag & Diskussion mit Alex Feuerherdt (Bonn)

Ihr „Sommermärchen“ konnten die Deutschen zuletzt im Kino sehen und sich dabei noch einmal selbst inszenieren; mehr als vier Monate nach der Fußball-Weltmeisterschaft ist Sönke Wortmanns Streifen der Versuch, den „gefühlten Weltmeistern“ noch einmal eine schwarz-rot-geile Injektion zu verpassen, bevor der „Teamgeist 82 Millionen“, für den sich die Nationalspieler nach dem Turnier auf ihren T-Shirts über­schwänglich beim Fußvolk bedankt hatten, endgültig vorbei ist. So viel Deutschland wie während der vier WM-Wochen war schon lange nicht mehr – kaum ein Balkon, kaum ein Auto, kaum eine Kneipe ohne die deutschen Farben; kaum ein Bundesbürger, der sich nicht ins Volltrottelkostüm warf und die pathosgeladenen Schnulzen von Xavier Naidoo und den Sportfreunden Stiller intonierte, um dem nationalen Auftrag gerecht zu werden.
Dabei ging es mitnichten bloß darum, die vergleichsweise erfolgreichen und phasenweise ansehnlichen Darbietungen einer prinzipiell eher limitierten Fußballmannschaft zu würdigen. Und auch die allfällige Ansicht, die WM sei vor allem eine Riesenparty um ihrer selbst willen gewesen, gehört ins Reich der Fabel. Der „größte Aufmarsch deutscher Fahnen und Symbole seit den Parteitagen in Nürnberg“ (Rainer Trampert) war vielmehr ein demonstrativer Akt, der volksgemeinschaftliche Züge trug. Doch Auschwitz, das war gestern: Mit wachsender Penetranz versäumte es kein Kommentator zu betonen, wie unbefangen und unbeschwert doch die deutschen Menschen feierten. Abweichung vom Konsens, vom stumpfen, an den Sieg gekoppelten Frohsinn, wurde als Sabotage oder Intrige empfunden und entsprechend verbal oder sogar physisch geahndet. Dabei waren die Heerscharen in den Stadien, Fanmeilen und Gaststätten durchaus keine Nazis: Faschos hätten nur die Unverkrampftheit im Umgang mit dem Deutschtum gestört und für eine schlechte Auslandspresse gesorgt. Außerdem wurden sie schlicht nicht mehr gebraucht. „Sieg!“ skandieren gute Demokraten auf den Sitzplätzen schließlich nicht weniger laut. Und die Medien hatten den deutschen Nationalismus über Nacht vom Image der Gartenzwerge und Glatzen gelöst, um ihn als jung, sexy und urban zu präsentieren.
Inzwischen gibt es jedoch helle Aufregung: Hools mit Reichskriegsflaggen randalieren unter „Wir sind wieder einmarschiert!“-Rufen in der Slowakei, und in den Stadien gibt es Affenlaute und „Asylanten“-Rufe. Aus den Amateurklassen werden derweil Wochenende für Wochenende rassistische und antisemitische Vorfälle gemeldet. Doch was unisono als Widerspruch zum „fröhlichen Patriotismus“ gewertet wird – der aller Welt zeigen wollte, dass die Deutschen Ausländer lieb haben, wenn sie zahlende Gäste sind –, ist lediglich die andere Seite derselben Medaille, eine Konkurrenzveranstaltung um die Frage, wer und was deutsch(er) ist.

In Kooperation mit dem Fanprojekt Duisburg, dem Bildungswerk der Humanistischen Union Essen und der antifa3D

Do., 08.02.2007, 20.00 Uhr, Kulturzentrale HundertMeister Duisburg, Dellplatz 16a, Eintritt frei