| Ihr „Sommermärchen“ konnten die Deutschen zuletzt
im Kino sehen und sich dabei noch einmal selbst inszenieren; mehr als
vier Monate nach der Fußball-Weltmeisterschaft ist Sönke Wortmanns
Streifen der Versuch, den „gefühlten Weltmeistern“ noch
einmal eine schwarz-rot-geile Injektion zu verpassen, bevor der „Teamgeist
82 Millionen“, für den sich die Nationalspieler nach dem Turnier
auf ihren T-Shirts überschwänglich beim Fußvolk bedankt
hatten, endgültig vorbei ist. So viel Deutschland wie während
der vier WM-Wochen war schon lange nicht mehr – kaum ein Balkon,
kaum ein Auto, kaum eine Kneipe ohne die deutschen Farben; kaum ein Bundesbürger,
der sich nicht ins Volltrottelkostüm warf und die pathosgeladenen
Schnulzen von Xavier Naidoo und den Sportfreunden Stiller intonierte,
um dem nationalen Auftrag gerecht zu werden.
Dabei ging es mitnichten bloß darum, die vergleichsweise erfolgreichen
und phasenweise ansehnlichen Darbietungen einer prinzipiell eher limitierten
Fußballmannschaft zu würdigen. Und auch die allfällige
Ansicht, die WM sei vor allem eine Riesenparty um ihrer selbst willen
gewesen, gehört ins Reich der Fabel. Der „größte
Aufmarsch deutscher Fahnen und Symbole seit den Parteitagen in Nürnberg“
(Rainer Trampert) war vielmehr ein demonstrativer Akt, der volksgemeinschaftliche
Züge trug. Doch Auschwitz, das war gestern: Mit wachsender Penetranz
versäumte es kein Kommentator zu betonen, wie unbefangen und unbeschwert
doch die deutschen Menschen feierten. Abweichung vom Konsens, vom stumpfen,
an den Sieg gekoppelten Frohsinn, wurde als Sabotage oder Intrige empfunden
und entsprechend verbal oder sogar physisch geahndet. Dabei waren die
Heerscharen in den Stadien, Fanmeilen und Gaststätten durchaus keine
Nazis: Faschos hätten nur die Unverkrampftheit im Umgang mit dem
Deutschtum gestört und für eine schlechte Auslandspresse gesorgt.
Außerdem wurden sie schlicht nicht mehr gebraucht. „Sieg!“
skandieren gute Demokraten auf den Sitzplätzen schließlich
nicht weniger laut. Und die Medien hatten den deutschen Nationalismus
über Nacht vom Image der Gartenzwerge und Glatzen gelöst, um
ihn als jung, sexy und urban zu präsentieren.
Inzwischen gibt es jedoch helle Aufregung: Hools mit Reichskriegsflaggen
randalieren unter „Wir sind wieder einmarschiert!“-Rufen in
der Slowakei, und in den Stadien gibt es Affenlaute und „Asylanten“-Rufe.
Aus den Amateurklassen werden derweil Wochenende für Wochenende rassistische
und antisemitische Vorfälle gemeldet. Doch was unisono als Widerspruch
zum „fröhlichen Patriotismus“ gewertet wird – der
aller Welt zeigen wollte, dass die Deutschen Ausländer lieb haben,
wenn sie zahlende Gäste sind –, ist lediglich die andere Seite
derselben Medaille, eine Konkurrenzveranstaltung um die Frage, wer und
was deutsch(er) ist.
In Kooperation mit dem Fanprojekt Duisburg, dem Bildungswerk der Humanistischen
Union Essen und der antifa3D |
| Do., 08.02.2007, 20.00 Uhr, Kulturzentrale HundertMeister
Duisburg, Dellplatz 16a, Eintritt frei |